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Als Überschrift steht dort oben „A Record of Being – Music“. „A Record of Being“ bedeutet stumpf und wörtlich in das Deutsche übersetzt „Eine Aufnahme des Seins“. Jener Ausdruck mag zunächst vielleicht bedeutungsschwanger oder gar prätentiös anmuten und vielleicht ist er es auch – doch er greift die Grundidee der Schöpfer dieser Seite auf.

Diese Website soll als Freiraum dienen sich unabhängig von allen äußeren Einflüssen intellektuell zu äußern, mitzuteilen und zu diskutieren. Sie soll das Sein, die menschliche Wahrnehmung des Lebens darlegen.

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Flüstern

Julius ist 1,92m groß – eine gute Größe. Vor allem, weil er nicht einer von diesen langen schlaksigen Typen ist, deren mageres Gerippe auch durch die dickste Winterjacke nicht zu übertünchen ist, nein er, Julius Schwarzenberger, ist perfekt proportioniert, die Verkörperung des männlichen Ideals.

Selbstverständlich musste er dafür arbeiten. Sehr hart arbeiten.

Irgendwie liebt er die Arbeit.

Immernoch könnte das Körperfettgehalt unter die acht Prozent sinken und immernoch wäre es doch möglich noch diesen einen Bonus aus dem ohnehin im Gegensatz zu ihm völlig ambitionslosen Arbeitgeber herauszuquetschen.

Das Geld hätte sicherlich irgendeinen Nutzen.

Julius hat BWL studiert, er sagt lieber Business.

Bachelor in Paris, MBA in Harvard. Das Abitur war leider nur 1,4, ein Schandfleck auf seinem Lebenslauf aber dafür war er zu dem Zeitpunkt im Bundeskader.

Das Ganze wurde dann zugusten des Studiums über den Haufen geschmissen, ein paar Konflikte, verdrängt in den Tiefen seines Unterbewusstseins gab es da auch, aber immerhin wurde es erreicht.

Trotzdem denkt sich Julius oft, wenn er in seiner Altbauwohnung, die übrigens in bester Lage einen gesamten Stock beansprucht, in seinem kalten leeren Doppelbett liegt, was wohl gewesen wäre, wenn er den Sport weitergetrieben hätte.

Vielleicht hätte ja sogar beides funktioniert – Olympia und Studium.

Es wäre hierbei anzumerken, dass Julius nicht beziehungsfähig ist.

Er hat das schon selbst gemerkt, aber es kümmert ihn inzwischen nicht mehr, das Geld ist ihm treuer. Nur ist er es eigentlich, der nicht treu ist.

Nicht einmal sich selbst.

Dessen aber ist er sich nicht bewusst.

Allerdings hat er gelernt sich anzupassen, genau das aus Menschen herauszuarbeiten, was ihn an ihnen interessiert, oder vielmehr, was er von ihnen braucht.

Es ist eine absolute Freundlichkeit, eine entwaffnende Freundlichkeit, ein Charme, den er beherrscht, eine wunderschöne Maske für das Ungetüm, welches sich darunter verbirgt.

Es ist nicht, dass er den Menschen schadet, aber er stiehlt gewissermaßen von ihnen, wenn er sich seiner eigenen Unzulänglichkeit gewahr, aber nicht bewusst wird. Hier eine Empfehlung, da ein freundliches Wort.

Das Konto platzt inzwischen, etwa 20 000 000 zieren den Bildschirm, wenn er stolz, fast gierig sein Bankportal öffnet. Und das mit 29 Jahren.

Man sollte fast knicksen in seiner Anwesenheit.

Aber irgendetwas fehlt. Irgendetwas hat er noch nicht erreicht.

Noch sitzt er nur im Aufsichtsrat, ist kein Geschäftsführer und zu Olympia, das bereut er eigentlich am meisten, ist er nie gefahren.

Und so setzt sich Julius eines Abends in seinen Porsche 911 Turbo S, Ferrari oder Lamborghini würde er nie fahren, das tun nur die Araber, und fährt hinaus, hoch in die Berge.

Und dort, er kennt diese Straßen in und auswendig, jede Kurve, jedes Gefälle und jede Steigung, automatisch, blind könnte er hier schalten, beschleunigen und bremsen, sieht er die kürzeste Gerade der Strecke sich vor ihm auf den feinen, neuen Asphalt entfalten.

Dort hinter diesen doch sehr kurzen 200 Metern schlingt sich eine achtzig-Grad-Kurve um den harten Fels, dahinter ein Abhang gesäumt mit abgestorbenen Fichten, Dank sei dem Borkenkäfer.

Doch Julius bremst nicht nach den ersten 50 Metern, schaltet nicht um, das Rücklicht bleib beständig rot und scheint in aller Ruhe weiter in das Pechschwarz des Waldes.

Er drückt das Gaspedal bis zum Anschlag durch, der Motor bäumt sich gellend auf, die vollen 600 PS werden ausgeschöpft, das Tacho steigt über die 270.

Da in der Kälte, heben sich bald die kahlen Baumstämme überraschend langsam im Scheinwerferlicht von der Dunkelheit ab und irgendwo dort sieht er den faden Schein des Mondes durch die Wolken brechen.

Die 300 sind erreicht.

Langsam steigt der Zeiger, die Umdrehungen nähern sich den 8000 und das Chassis beginnt leise zu vibrieren, der Wind flüstert durch die Belüftungsanlage, die schon vor einer halben Stunde aufgegeben hat gegen die Geschwindigkeit anzukämpfen.

Und plötzlich fliegt er.

Das ist es, was er eigentlich immer nur wollte – fliegen.


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